Nutri-Score senkt Sterberate an ernährungsmitbedingten Krankheiten

Nutri-Score senkt Sterberate an ernährungsmitbedingten Krankheiten

30. Oktober 2019 0 Von Sarah Beck

Die Einführung des Nutri-Score-Labels auf Lebensmitteln könnte die Zahl der Menschen, die an ernährungsmitbedingten Krankheiten sterben, erheblich senken. Nach Schätzungen von Forschern der Universität Paris könnten im Durchschnitt 7.680 Todesfälle pro Jahr verhindert werden. Die Grundlage für diese Aussage bildeten zwei Studien. Während in der ersten Studie untersucht wurde, welchen Einfluss Nährwertkennzeichnungen wie der Nutri-Score auf das Einkaufsverhalten haben, liefert die zweite Studie Informationen über die Essgewohnheiten der Franzosen. 

Um den Einfluss des Nutri-Scores auf das Einkaufsverhalten zu untersuchen, wurde vor seiner Einführung ein Feldexperiment durchgeführt. Knapp 700 Teilnehmer sollten sich vorstellen, für ihren Haushalt entsprechend ihrer Gewohnheiten für zwei Tage einzukaufen. Jeder Teilnehmer durchlief das Experiment zweimal. Im ersten Durchlauf war auf den Lebensmitteln kein Label aufgedruckt. Anschließend wurden sie zufällig auf sechs Gruppen aufgeteilt. Dann durchliefen sie ein zweites Mal die Einkaufssituation. In fünf Gruppen waren die Produkte mit einem von fünf verschiedenen Labels versehen. Bei den Labels handelte es sich um den Nutri-Score und vergleichbare alternative Label (Multiple Traffic Lights, Reference Intakes, Health Star Rating System und Système d’Etiquetage Nutritionnel Simplifié, SENS). Die sechste Gruppe diente als Referenzgruppe zur Überprüfung, ob die Änderungen des Einkaufsverhaltens auch tatsächlich auf die Kennzeichnungen der Lebensmittel zurückzuführen sind. Die eingekauften Lebensmittel wurden in ihrer Nährstoffzusammensetzung und -verteilung zwischen den beiden Durchgängen verglichen. Der Erhebung liegt die Annahme zugrunde, dass alle eingekauften Lebensmittel auch tatsächlich verzehrt werden.

In der zweiten Studie, der „NutriNet-Santé-Studie“, wurden über 80.000 Franzosen zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. Online sollten die Befragten dokumentieren, welche Lebensmittel sie, in welchen Mengen an drei Tagen gegessen hatten. Die Forscher nutzten diese Daten, um herauszufinden, wie sich die allgemeine französische Bevölkerung vor Einführung des Nutri-Score-Labels ernährte. 

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Die Daten der beiden Studien wurden in einem statistischen Rechenmodell verglichen. Um den Unterschied der beiden Studiendatensätze bezüglich der Nährwerte mit Mortalitäten als Folge ernährungsmitbedingter Krankheiten in Verbindung zu bringen, wurden frühere Forschungsergebnisse verwendet. Diese gingen ebenfalls in das Rechenmodell mit ein, um Abschätzungen machen zu können.

Basierend auf den Daten wird geschätzt, dass durch die Verwendung des Nutri-Score-Labels auf allen Lebensmittel ca. 7.680 Todesfälle pro Jahr verhindert oder hinausgezögert werden können. Dabei handelt es sich um Todesfälle infolge von ernährungsmitbedingten Krankheiten, wie kardiovaskuläre Erkrankungen und Darmkrebs. Zusammen sind diese Krankheiten für ca. 60 % aller Todesfälle in Frankreich verantwortlich. Die Senkung der Todesfallrate wird durch eine gesündere Lebensmittelauswahl anhand des Nutri-Score-Labels herbeigeführt. Das Feldexperiment hat gezeigt, dass die Auswahl der Lebensmittel im Durchgang mit den gekennzeichneten Lebensmitteln insgesamt weniger Kalorien, Fett, gesättigte Fettsäuren und Salz enthielten. Gleichzeitig wurden vermehrt ballaststoffreiche Lebensmittel, Gemüse und Obst ausgesucht. Dies konnte sowohl bei Frauen wie auch bei Männern beobachtet werden. 

Vorteil des Nutri-Score

Im Vergleich zu den anderen Labels schnitt der Nutri-Score am besten ab. Die Forscher erklärten sich dies dadurch, dass für die Bewertung der Lebensmittel auch der Anteil gesunder Nährstoffe mit einberechnet wird. Andere Labels betrachten lediglich den Anteil unerwünschter Nährstoffe. Frühere Studien zeigten, dass eine Erhöhung des Anteils gesunder Nährstoffe einen größeren Einfluss auf die Sterblichkeit infolge ernährungsbedingter Krankheiten hat, als die Senkung der Aufnahme unerwünschter Nährstoffe. Weiteren Untersuchungen zeigen, dass der Nutri-Score aufgrund seines Designs leichter zu verstehen ist als andere Labels.

Durch die Verwendung des Nutri-Score-Labels werden die Einkaufsentscheidungen verschiedener Menschen ähnlicher. Das deutet darauf hin, dass vor allem Menschen, die normalerweise eher ungesunde Einkaufsentscheidungen im Lebensmittelbereich treffen, besonders von dem Aufdruck des Nutri-Scores profitieren würden. Vielen Menschen fällt es schwer, bei der Fülle an Lebensmitteln Produkte auszuwählen, die zu einer gesundheitsfördernden Ernährung beitragen. Auf diese Weise können diese kleinen, täglichen Entscheidungen dazu beitragen, dass Todesfälle verhindert bzw. hinauszögert werden. Das konnten die Forscher der Universitäten Paris, Grenoble und Borbigny mit ihrer Studie verdeutlichen.

Nutri-Score hilft beim Einkauf
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Dies ist die erste Forschungsarbeit, die den Langzeiteffekt des Nutri-Scores auf die Gesundheit der Menschen untersucht hat. Sie zeigt auf, dass die Gesundheitspolitik durch den Nutri-Score die Möglichkeit erhält, die Ernährung der Bevölkerung gesünder zu gestalten, wodurch Menschenleben gerettet und die Ausgaben der Gesundheitssysteme gesenkt werden können. Die Industrie kann durch die Einführung des Nutri-Score-Labels und möglichen Verbesserungen der Rezepturen einen Beitrag dazu leisten. 

All die hier aufgezeigten Vorteile könnten jedoch nur erreicht werden, wenn die Kennzeichnung der Lebensmittel mit dem Nutri-Score verpflichtend wäre. In Frankreich wurde der Nutri-Score bisher nur auf freiwilliger Basis eingeführt und somit sind lediglich etwa 20% der Lebensmittel mit diesem Label versehen. In Deutschland haben die Unternehmen Danone, Iglo, Nestlé, Bofrost, McCain und Mestemacher bereits ihre Bereitschaft für die Kennzeichnung ihrer Lebensmittel bekundet. 

Referenzen

Egnell, M., Crosetto, P., d’Almeida, T., Kesse-Guyot, E., Touvier, M., Ruffieux, B., Hercberg S, Julia, C. Modelling the impact of different front-of-package nutrition labels on mortality from non-communicable chronic disease. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity 2019; 16(1):1–11. https://doi.org/10.1186/s12966-019-0817-2

Autoren – Blog

Sarah Beck

Marieke Theil

Christine Dawczynski

Stefan Lorkowski